Alice Lopez

77 Tage war ich auf meiner letzten Australienreise unterwegs.

Um möglichst viel zu erleben und zu sehen, war ich unterwegs im Campervan, Taxi, Tourbus, mit dem Tram und der Monorail sowie der Skyrail, auf einem Boot, mit dem Helikopter, im PKW, auf einem Kamelrücken, auf einer Ferry, etlichen Stadtzügen, einem Nostalgiezug, einem klapprigen Sydneybus und immer wieder auf meinen eigenen Füssen…Den besten Eindruck von der Schönheit und Weite dieses faszinierenden Landes bekam ich jedoch auf der Reise mit dem Indian Pacific und dem Ghan von Sydney nach Darwin.

Folgende Schilderungen stammen 1:1 aus meinem Reisetagebuch und drücken meine Begeisterung für diese beiden Züge und diese Art zu reisen hoffentlich genügend aus. Viel Spass!

Samstag, 12. Juli 2008, nach einer durchzechten Nacht
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Ich fühlte mich grauenhafter als grauenhaft und ich hatte eine Tasche zu packen…Die Kopfschmerzen waren einfach zu bekämpfen, aber das Übelkeitsgefühl leider gar nicht! Ich brachte es fertig, immer genau drei Dinge einzupacken, und dann musste ich mich wieder ins Bett legen. Zum Glück musste ich erst am Nachmittag auf dem Bahnhof sein.Nach einer längeren Pause ging es mir endlich etwas besser und ich konnte meine Tasche fertig packen. Ich zog sogar das Bett ab und drehte mit dem Staubsauger ein paar Runden.Meiner Gastschwester ging es zum Glück auch nicht viel besser und wir taten uns selber etwas leid. Mit Panadol sagten wir unseren Kopfschmerzen gemeinsam den Kampf an.Schliesslich wurde es Zeit, mich von meiner Gastfamilie zu verabschieden. Sabrina und Mika brachten mich zum Bahnhof und ich winkte ihnen ein letztes Mal nach.Am Schalter löste ich meinen Voucher ein und bekam das Zugticket für den Indian Pacific. Bis ich einsteigen konnte, musste ich noch etwas warten, aber dafür hatte ich genug Zeit, mir den Bahnhof anzuschauen. Schliesslich wurden dann doch die goldenen Fahnen rausgehängt, der Zugbegleiter aufgestellt und ich eingelassen.

Ein schlangenförmiger Gang brachte mich zu meiner „munzigen“ Kabine. Ich liess mich mehr oder weniger häuslich nieder und harrte gespannt der Dinge, die da kommen sollten.Die Fahrt war unglaublich und führte den Indian Pacific und seine Gäste hinauf in die Blue Mountains. Dabei wurde es langsam dunkler und dunkler. Dies wirkte besonders gespenstisch, als der Zug ganz nahe an einem Atomkraftwerk (?) vorbeifuhr, das ganz schwach beleuchtet war und wie aus dem Nichts auftauchte.
Vor dem Nachtessen gab es im Saloon eine Vorstellungsrunde für jene Passagiere, die im Besitz einer blauen Essenskarte waren. Sehr lustig fand ich das nicht, aber ich brachte einigermassen unbeschädigt zwei bis drei Worte über die Lippen.

Im Speisewagen warteten ein Entrée, ein Hauptgang und ein Dessert auf mich. Alles angerichtet auf weissen Porzellantellern und serviert von schwarzen Pinguinen. Leider hatte es für meinen Geschmack überall etwas zu viel Sauce drauf, aber beim letzten Gang hatte der Kellner auch meine Vorlieben und Gewohnheiten registriert, so dass er mir vor lauter Mitleid einen Apfel zusteckte.Nach dem Essen wankte ich im Takte des Zuges zu meiner Unterkunft, wo mein Bett bereits hergerichtet war. Sehr gemütlich und warm! Und es gelang mir sogar, die Augen zu schliessen und ein paar Runden zu schlafen.

 

Sonntag, 13. Juli 2008, schaukelnd und ruckelnd nach Adelaide
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Schon ganz früh am Morgen zog ich die Jalousien hoch und liess im Bett liegend die aussergewöhnliche Landschaft an mir vorbeiziehen. Dabei entdeckte ich drei Kängurus, die nahe an den Geleisen grasten und sich von dem lauten Stahlross nicht aus der Ruhe bringen liessen.Der Sonnenaufgang war gigantisch und überhaupt: Zum Glück habe ich mich für diese Art zu reisen entschieden!!!



Gegen 07.00 Uhr hielt der Zug in Broken Hill. Wer gestern an der Bar die kleine Rundfahrt gebucht hatte, konnte nun aussteigen und in den Bus hüpfen. Für 22.00 AU$ gehörte auch ich zu den Glücklichen!Auf den Strassen waren natürlich noch nicht viele Einheimische zu sehen, aber dafür war der Driver & Guide in einer Person um so fitter und redete und zeigte Dinge und Sächelchen ohne Unterbruch. Leider war keine Zeit eingerechnet, um auszusteigen und sich alles etwas genauer anzusehen.

Er zeigte uns eine Silbermine, eine Gedenkstätte für verunglückte Arbeiter und eine Kunstgalerie, wo schliesslich doch Zeit und vor allem Geld gelassen werden sollten…

Wieder zurück am Bahnsteig, mussten wir sofort einsteigen, der Indian Pacific und seine Crew wollten weiter. Ich setzte mich in mein Abteil Nummer 5 und liess bis zum Frühstück die grosse weite Welt an mir vorbeiziehen. Ich fand es überhaupt nicht langweilig und genoss den Wechsel der Farben und Landschaften. Diese Vielfalt hätte ich nie erwartet.Das Frühstück schmeckte ausgezeichnet: Rösti, Speck, Rührei, überhaupt keine Sauce und ich musste nur die Tomate abbestellen. Während des Essens sah ich sogar eine Herde wilder Emus und einen Adler. Gigantisch!Auch meine Tischnachbarn waren sehr freundlich und nachdem wir „small getalkt“ hatten, kehrte ich in den Wagon I und mein Abteil zurück und genoss die Fahrt in vollen Zügen. Wortwörtlich gesprochen!Eine Stunde bevor wir in Adelaide ankamen, beendeten wir das Mittagessen. Ziemlich vollgestopft machte ich es mir im Abteil nochmals bequem.Dann fuhren wir langsam im Bahnhof ein und ich musste den Zug verlassen.

Mit meiner Tischnachbarin, die auch ein Zimmer im Mercure Grosvenor hatte, nahm ich ein Taxi. Direkt vor dem Eingang wurden wir für 12.00 $ abgeliefert.
Mit meiner Zimmerreservation gab es schon mehr Schwierigkeiten, weil das Zimmer auf den Namen meines Reiseagenten gebucht war… Ich brachte mein Gepäck nach oben, entschied mich für zwei Touren rund um Adelaide, buchte an der Rezeption und stürzte mich in Adelaides Strassen. Irgendwie war aber nur komisches Volk unterwegs und nachdem ich im Woolworths ein paar Lebensmittel und Waschpulver gekauft hatte, spazierte ich wieder ins Hotel zurück.Obwohl ich hundemüde war, musste ich meine Wäsche waschen. Es war grauenhaft und ich fiel fast vom Stuhl! Zurück in meinem riesigen Zimmer und Bett schlief ich fast augenblicklich ein.

Mittwoch, 16. Juli 2008, …und täglich grüsst das Red Kangaroo
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Bis 11.00 Uhr blieb noch etwas Zeit, um zu lesen, ausgiebig zu duschen und die letzten Dinge zu verstauen.Schliesslich nahm ich meine 100 Sachen und fuhr mit dem Lift hinunter in die Empfangshalle, wo ich mich mit meiner „alten“ Freundin vom Indian Pacific verabredet hatte. Nicht nur, dass sie für mich einen Platz im Shuttle-Bus reserviert hatte, nein, sie brachte mir auch drei Fotos von ihren australischen „Haustieren“. In ihrem Garten kreuzen nämlich immer wieder Kängurus und Koalas auf.Die Fahrt zum Bahnhof war äusserst billig und dauerte nur wenige Minuten. Dafür war die Warteschlange vor dem Eincheckschalter fast unendlich lange. Als ich endlich an die Reihe kam, war meine Tasche natürlich prompt zu schwer und ich musste umpacken.
Meine Freude hielt sich in Grenzen, vor allem, weil mir dadurch keine Zeit mehr für den Giftshop blieb.

Vor dem Ghan war die ganze Zugbelegschaft aufgereiht und begrüsste die Gäste, dann musste ziemlich schnell eingestiegen werden und ich suchte mein Abteil 25/26. Es stellte sich zum Glück heraus, dass ich es für mich alleine behalten würde, was mich natürlich in keinster Art und Weise störte. Im Gegenteil!!! Wie sollte man in einem solchen kleinen Abteil mit einer völlig unbekannten Person zurechtkommen? Ich auf jeden Fall könnte das nicht!
Weil es einige technische Probleme gab, konnte der Ghan nicht sofort abfahren, aber dafür lernte ich bei dieser Gelegenheit Les, Janet, Phil & Babs kennen. Ich wurde freundlich in ihren Kreis aufgenommen und verbrachte den Rest des Tages mit ihnen.Nach ca. zwei bis drei Stunden hielt der Ghan in Coonamia an einer winzigen Haltestelle mitten im Nirgendwo, wo neue Passagiere aufgenommen wurden.Dann ging die Fahrt ohne grössere Unterbrüche weiter bis Port Augusta. Vom Zug aus sah man sogar ganz kurz das Meer.

In Port Augusta konnte man sich etwa eine halbe Stunde die Beine vertreten, bis der Ghan wieder losrollte.Um 18.00 Uhr konnte man sich im Red Kangaroo Diner sein Abendessen kaufen. Janet offerierte mir zu meinem Chicken ein Fläschchen Wein. Davon wurde ich so müde, dass ich mich in mein Abteil verzog und mich bettfertig machte. Ich war völlig k.o.!

 Donnerstag, 17. Juli 2008, schon wieder Alice Springs
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Als mich um Mitternacht Gerüttel und Geschüttel nicht mehr schlafen liessen, entschied ich mich für eine Schlaftablette, die wunderbar nützte. Erst um 07.00 Uhr wachte ich richtig auf und war bereit für eine Dusche.Nach dem Frühstück verzog ich mich wieder in mein Abteil und las das Buch über die Leprakranken auf Kreta beziehungsweise Spinalonga fertig.Der Zug durchquerte die rote Einöde ziemlich schnurgerade.Alice Springs hiess das Ziel der Nachmittages. Bis dorthin standen wir aber einige Male blöde in der Wüste herum, weil wir auf den Ghan von Darwin warten mussten. In Alice Springs angekommen, strömten alle zum Zug hinaus, da die meisten Mitreisenden eine Tour gebucht hatten. Ich natürlich auch: die ESSENTIAL ALICE SPRINGS TOUR. Die Fahrerin des Busses hiess Tina und erzählte viele Geschichten aus ihren Kindertagen. Dies war besonders interessant, weil sie eine Ureinwohnerin ist.Zuerst wurden wir zum „Royal Flying Doctor“ -Stützpunkt gebracht, dann ging es quer über die Strasse ins Reptile Center und anschliessend zur National Pioneer Women’s Hall, die in einem ehemaligen Gefängnis untergebracht war. Ehrlich gesagt, interessierten mich die berühmten Frauen nicht ganz so sehr wie das Gefängnisgebäude…Der kurze Abstecher zur Telegraph Station ausserhalb von Alice Springs gewährte ein paar tolle Einblicke in das frühere Leben im Outback. Zum Schluss fuhren wir noch auf den Anzac Hill hinauf und schauten uns Alice Springs von oben an.Dann brachte uns Tina so schnell wie möglich zum Ghan zurück und nur wenige Minuten später nahm dieser die Fahrt durch die Wüste wieder auf. Per Mobile Phone versuchte ich Kontakt mit Switzerland aufzunehmen, als dies aber nicht möglich war, betrachtete ich mir wieder die vorbeiflitzende Landschaft, bis ich Hunger bekam und mir im Diner Pasta mit Pilzsauce und leider auch ganz vielen Zwiebeln spendierte. Schauderlich!

Les machte sich früh auf nach Blanket Street, aber seine Frauen hielten zum Glück etwas länger durch und wir unterhielten uns angeregt.Nach meiner Abenddusche am Ende des Wagons legte ich mich in mein Schüttelbecherbett und genehmigte mir gleich eine kleine Einschlafhilfe.

Freitag, 18. Juli 2008, ab in den Norden, der Sonne hinterher
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Das Geschnatter auf dem Gang war nicht von schlechten Eltern und ich war schon recht früh wach.
Also zog ich das Rollo hoch und liess die Wüste mal schneller, mal langsamer an mir vorbeiziehen.
Schliesslich wurde es mir doch zu langweilig und ich stand auf.
Nachdem ich das Abteil einigermassen aufgeräumt hatte, wurde es Zeit für Rührei und Schinken und ein Pläuschchen mit Les, Phil, Janet & Babs. Vor allem Phil & Janet steckte die Nacht noch in den Knochen und sie schliefen immer wieder ein!



Um 09.00 Uhr kamen wir in Katherine an, das heisst, auf dem Bahnhof und ein Shuttle brachte uns in die Stadt, wo wegen eines Feiertages praktisch alle Läden geschlossen waren und ganz viele Einwohnen betrunken auf den Strassen herumlungerten. Ich lief mit meiner „Adoptivfamilie“ aus Melbourne einmal die Hauptstrasse runter und wieder rauf und verzog mich dann mit ihr auf eine Parkbank, wo wir den Schatten und die kühlen Getränke genossen.
Um 11.00 Uhr brachte uns der Shuttle-Bus zum Historic Springvale Homestead. Ich brauchte eine Weile, bis ich mich zurechtfand, weil ich mit der Rückkehr zum Ghan gerechnet hatte.
Wir sassen im Schatten unter sehr alten Bäumen und liessen es uns gut gehen. Nach einer Dreiviertelstunde holte uns der Bus wieder ab und nun ging es wirklich und tatsächlich zurück zum Bahnhof.
Nach einer kurzen Wartezeit konnten wir einsteigen…

 

…und plötzlich stand ein „Bewunderer“ in meinem Abteil…: Ob ich auch in den Speisewagen kommen würde? Mein Gott! Ausgerechnet!
Ich liess mir viel Zeit damit und „püschelte“ zuerst meine sieben Sachen. Das nahm sehr, sehr viel Zeit in Anspruch. Schliesslich gesellte ich mich doch zu den Melbournern, einer alten Dame und meinem Fan.
Es war Zeit für das Mittagessen und ich machte den Fehler, dass ich mir Pizza bestellte. Zwei Stück! Grauenhaft! Es war Gemüsepizza!!!
Nach dem Verzehr plagten mich schlimme Bauchkrämpfe und ich verzog mich wieder in mein Abteil, weil ich die ganze Zeit mit einem Schnellstart Richtung Toilette rechnen musste. Ich hing etwas meinen Gedanken nach, liess die Bauchschmerzen abklingen und gesellte mich wieder zu den anderen.
Gemeinsam fuhren wir Darwin entgegen und ich konnte einen grossen Traum von meiner Liste streichen: Die Fahrt mit dem Ghan!