Mit Boliviens Bahnen nach Brasilien

Boliviens Hauptstadt La Paz ist seit einigen Jahren bahnfrei. Zwar war die Fahrt aus der in einem Talkessel von hohen Bergen umringten Stadt auf das umgebende Hochland mit der Bahn einst ein Erlebnis besonderer Art, aber das zählt in Südamerika nicht mehr. Die Bahn hat fast gar keine Befürworter mehr. Gefördert werden Busse und das erdteilweit und in Bolivien eben landesweit. Allerdings haben doch noch einige wenige Bahnstrecken überlebt. Einen dieser darauf verkehrenden Züge benützte ich auf meiner Fahrt von La Paz nach Rio de Janeiro. Im reichen Osten Boliviens, bereits auf der Ostseite der Anden gelegen, befindet sich die im warmen Tiefland gelegene Provinzhauptstadt Santa Cruz de la Sierra. Dorthin musste ich zwar mit dem Bus fahren, aber ab Santa Cruz fährt bis zur brasilianischen Grenze bei Puerto Suarez, fast täglich ein Nachtzug, der „Expreso Oriental“, der leider über keine Schlafwagen mehr verfügt, jedoch immerhin einen Speisewagen mitführt.

Der Bahnhof von Santa Cruz ist ein kombinierter Bus- und Eisenbahnhof, wobei selbstverständlich der Busbahnhof einen wesentlich größeren Teil einnimmt. Der Bahnhof macht einen sehr modernen und gepflegten Eindruck. Ich hatte  keine Schwierigkeiten am Vortag meiner Abreise Fahrkarten für den „Super Pullman“ zu bekommen, einem klimatisierten Waggon mit Liegesitzen, das beste was der Zug an Fahrkomfort zu bieten hat. Erst eine halbe Stunde vor unserer Abfahrt wurden die Reisenden, nachdem sie trotz des Besitzes einer gültigen Fahrkarte noch zusätzlich eine Bahnsteigkarte zu kaufen hatten, auf den Bahnsteig gelassen. Die Menschenmenge vor der Bahnsteigsperre war beträchtlich, aber da es nur Platzkarten gibt, war keine Hektik zu spüren. Am Bahnsteig versuchten Händler noch allerlei nützliche und unnütze Dinge an den Mann und die Frau zu bringen und um die Fotografen kümmerte sich niemand, was ich aus vielen Ländern noch ganz anders in Erinnerung habe. Pünktlich um 16.30 Uhr fuhren wir ab. Im Gegensatz zu den Zügen in Peru benützten hier fast ausschließlich Einheimische den Zug. Vermutlich ist die Straßenverbindung noch schlechter als der erbärmliche Oberbau, der uns nun bis zum nächsten Morgen begleitete. Der Zug war sehr gut besetzt, wenn auch vereinzelt freie Plätze vorhanden waren. Zwar sind Kinder keineswegs ein Unglück, trotzdem waren die Familien mit quengelnden Kindern auf dieser Nachtfahrt nicht das, was ich mir wünschte. Aber wie schon erwähnt, wurden bereits vor Jahren die Schlafwagen in Boliviens Bahnen zu meinem Leidwesen und sicher auch dem vieler anderer Reisenden, abgeschafft. So vermisste ich die Privatsphäre, die ich auf Schlafwagenfahrten so sehr schätze, auf dieser Fahrt ganz besonders. Nicht dass die Liegesitze unbequem gewesen wären, aber ein richtiges Bett in einem richtigen Schlafwagenabteil knnnten sie nicht ersetzen, denn horizontal waren diese Liegesitze eben nicht zu stellen. Wie in Südamerikas Bussen, so versorgten auch hier in jedem Waggon die unvermeidbaren Fernsehgeräte die Fahrgäste mit Filmen, auf die selbst bei Filmen höherer Qualität, als die gebotenen, gerne verzichtet hätte. Die flache Landschaft war nach der tagelangen Busfahrt durch die Anden durchaus eine angenehme Abwechslung und nach Einbruch der Dunkelheit sorgte der Speisewagen für Abwechslung. Das Essen war gut und billig, trotzdem fanden nur wenige Fahrgäste den Weg hierher. Als Ausländer wurden wir hier sogar bestaunt. Es scheint für Touristen nicht üblich zu sein, diesen Weg nach Brasilien zu nehmen. Vielleicht schreckt der mangelnde Komfort auf der langen Fahrt ab, wobei über die Sauberkeit nichts Schlechtes gesagt werden kann, sondern eben nur der Fahrkomfort Wünsche offen lässt. Während der Nacht wird das Licht in den Waggons abgestellt. Allerdings befindet sich über jedem Sitz eine eigene doch sehr helle Leselampe, die einige wenige Reisende nicht abstellen wollten. Hier rächte sich eben neuerlich die mangelnde Privatsphäre, die mich so sehnsüchtig an die schönen Schlafwagenabteile erinnerten, die ich weltweit benützte. Aber trotz dieser Leselampen und des schlechten Oberbaus, der unseren Zug in ein schwankendes Schiff bei hohem Wellengang verwandelte, fiel ich in Schlaf, bemerkte aber noch, dass immer wieder Zugbegleiter durch die Waggons gingen um nach dem Rechten zu sehen.

Am nächsten Morgen gönnte ich mir im Speisewagen ein Frühstück und kam dabei auch mit Einheimischen ins Gespräch, die mir von ihren Sorgen in diesem von immer wiederkehrenden Unruhen geplagtem Land erzählten. In Rivero Torrez stiegen um 6 Uhr in der Früh viele Reisende aus. Nun waren es nur mehr wenige Stunden bis zum Grenzort Quijarro, wo uns fast pünktlich um 8.45 Uhr  tropische Hitze empfing. Über die Grenzbrücke in die nahe brasilianische Stadt Corumbá darf der Zug aus unerfindlichen Gründen nicht fahren. Daher begann am Bahnhofsvorplatz das Feilschen mit den Taxifahrern. Selbstverständlich fuhren noch vor wenigen Jahren bequeme Züge von Corumbá bis nach Rio, heute allerdings fahren Busse in 32 Stunden entlang der eingestellten Bahnlinien diese Strecke. Möge uns in Europa der Einfluss der USA und damit das Schicksal der südamerikanischen Bahnen erspart bleiben.

Peter Romen 12.10.2008