Mit der Bahn auf dem Weg der Inkas

Die alte Inkahauptstadt Cuzco und ihre Umgebung haben wahrlich viele Sehenswürdigkeiten von Weltgeltung vorzuweisen. Deren Aufzählung überlasse ich den zahlreichen Reiseführern. Darüber möchte ich mich hier nicht auslassen. Wohl aber, wie man von Cuzco zu einem weiteren Zentrum   der untergegangenen Inkakultur kommt, dem Titikakasee. Selbstverständlich verbindet eine gut ausgebaute Straße diese beiden Orte und Busse stehen mehrmals täglich dafür zur Verfügung. Es fährt aber auch ein Zug, zwar nicht täglich, aber mehrmals wöchentlich, diese Strecke. Allerdings  benötigt er, im Gegensatz zu den Bussen, den ganzen Tag für diese Strecke und dies schon seit Jahrzehnten. Schneller geworden ist nur der Straßenverkehr, da die Straßen mit viel Geld ausgebaut wurden und immer noch weiter ausgebaut werden. Wie fast überall in Südamerika gilt dies jedoch nicht für die Eisenbahn. Deren Oberbau wird kaum gewartet und schon gar nicht modernisiert, sodass der Zug von Cuzco nach Puno sehr gemächlich unterwegs ist. Sicher, die Fahrt führt auch über einen Pass bei La Raya in über 4300 m Höhe, aber ein Großteil der Strecke führt meist sehr geradlinig  durch die Hochebene. Langweilig ist diese Fahrt allerdings nicht.

Nördlich des Stadtzentrums von Cuzco liegt der Normalspurbahnhof . Er ist als solcher gar nicht mehr wieder zuerkennen, denn der Hauptteil des ehemaligen Bahnhofsgebäudes dient heute als Kaufhaus mit vielen kleinen Läden. Vor 30 Jahren habe ich hier noch ganz andere Szenen der Betriebsamkeit eines viel benützten Bahnhofs erlebt. Heutzutage gibt es nur mehr den eben erwähnten Zug, der nicht täglich verkehrt. Das Abfertigungsgebäude ist fast versteckt hinter dem Kaufhaus untergebracht. Aber es ist sehr ordentlich heraus geputzt, denn die Fahrgäste sind fast ausnahmslos zahlungskräftige Touristen aus vielen Ländern und diese lieben die Bequemlichkeit und wollen verwöhnt werden. Das werden sie in diesem Zug auch.

Nur wer eine gültige Fahrkarte vorweisen kann, wird in die Abfertigungshalle vorgelassen, wo das Gepäck für die Aufbewahrung im Gepäckwagen aufgegeben wird.  Auf dem Bahnsteig werden die Reisenden von den Zugbegleitern empfangen, die gepflegter und höflicher nicht sein könnten. Der Zug ist makellos sauber. Die Waggons bestehen aus Pullmanwagen, das heißt, an allen Plätzen stehen Tische zur Verfügung, auf denen das im Fahrpreis inbegriffene Essen serviert wird. Man reist gewissermaßen in Speisewagen. Das erlebte ich seinerzeit noch anders, wenn der Komfort auch damals in der ersten Klasse bereits sehr gut war.

Pünktlich setzte sich unser Zug in Bewegung, fuhr noch ein kurzes Stück auf dem Dreischienengleis, das die beiden Bahnhöfe Cuzcos meist auf Straßenniveau verbindet und verlässt dann durch die in Südamerikas Städten leider so typischen Elendsviertel das Weichbild der Stadt, um am Hang Höhe zu gewinnen. Hier, auf etwa 4000 m Seehöhe, ist die Luft klar und der Himmel blau. Die Hochebene ist dünn besiedelt und offensichtlich auch sehr trocken. Nur ab und zu waren  kleine Siedlungen und Bauernhöfe zu erkennen. Herden von Lamas, Bauern bei der Arbeit, winkende Kinder.... Was uns Touristen so romantisch erscheint, ist in Wirklichkeit ein äußerst hartes Leben mit endlosen Entbehrungen. Aber die traumhaft schöne Landschaft mit ihren hohen Bergen von über 6000 m Höhe und die tiefen Schluchten, die uns Reisende so begeistert, lassen zeitweise das Schicksal der einst so stolzen Inkas vergessen. Während vor dem Zugfenster einem Dokumentarfilm gleich eine unvergessliche Landschaft vorbeizieht, wurden wir mit einem vorzüglichen Frühstück und Mittagessen, das in einem Küchenwagen zubereitet wurde, verwöhnt. Der letzte Waggon ist wieder, wie bereits in anderen Zügen Perus, ein Barwagen mit hinten offener Plattform. Hier kann man sich die dünne Andenluft um die Nase streichen lassen, während man einen Pisco Sour, einem landesbekannten Aperitiv, schlürft, der ebenfalls im Fahrpreis inbegriffen ist. Eine Gruppe von Indios begleitete zeitweise die Fahrgäste im Barwagen mit ihrer Musik und ihren Tänzen und animierte auch die Reisenden mitzumachen. Auf dem höchsten Punkt der Strecke, in La Raya, hält der Zug für etwa 20 Minuten und gibt Gelegenheit, den speziell für diesen Zug am Bahnsteig aufgebauten kleinen Indiomarkt, auf dem Handwerkssachen zu billigen Preisen angeboten werden, zu besuchen. Außerdem erhält die Lokomotivbesatzung vom Speisewagen Essen , denn das Personal wird auf der ganzen Strecke nicht ausgetauscht. Dann setzt der Zug seine Fahrt bergab fort und die Weiterfahrt ist auch hier nicht eintönig. Es begegnete uns sogar ein langer Güterzug mit Kesselwagen, was zeigt, dass die Strecke im Güterverkehr noch nicht aufgegeben wurde.  Am späten Nachmittag erreichten wir den Eisenbahnknotenpunkt Juliaca, wo ich vor vielen Jahren die heute im Personenverkehr eingestellte Strecke nach Arequipa zur Küste hinunter benützte. Unser Zug fuhr mit Schrittgeschwindigkeit geradewegs durch die Straßen der Stadt. Hier stiegen auch einige Reisende aus.  Wir aber setzten unsere Fahrt in den beginnenden Abend hinein fort. Es dämmerte bereits, als wir das Ufer des Titikakasees erreichten und hart an seinem Ufer entlang fuhren. Der See ist der höchst gelegene schiffbare See der Welt. Kurz vor unserem Ziel Puno sah ich auch am Ufer den alten, nun offenbar außer Dienst gestellten Dampfer, der mich einst von Puno über den See zum Anschlusszug in Bolivien brachte,  Das ist heute Geschichte. Von Puno fahren nur mehr Busse weiter. Die Stadt selbst, die Umgebung und der See haben allerdings sehr viele landschaftliche und kulturelle Sehenswürdigkeiten zu bieten. Deshalb sollte man schon einige Tage zur Erkundung in der Stadt verbringen. Überleben kann der Zug allerdings nur mehr mit Hilfe der Touristen, außer Peru würde sich entschließen die Strecke auf Vordermann zu bringen und so mit den Fahrzeiten der Busse gleichzuziehen. Im Komfort hat der Zug allemal die Nase vorn. Davon kann sich jeder selbst überzeugen, was ich jedermann nur wärmstens empfehlen kann, der Peru besucht.

Peter Romen 12.10.2008