Railway between the clouds
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Eisenbahn zwischen den Wolken

(National anthem of peru)
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Genannt wird die FCCA S.A.(Ferrocarril Central Andino) auch Eisenbahn des Todes (wegen der vielen Toten bei den Bauarbeiten). Damit bin ich bei einigen Fakten:
Auf jeden Fall ist es die zweithöchste Eisenbahn der Welt (höchster Punkt Galera) .Die Passagierzüge erreichen 4781 m ü.M..
Die Strecke führt von Lima (Haupstadt von Peru) nach Huancayo (Altiplano).
Sie wurde zwischen 1870 und 1908 durch Briten und Peruaner gebaut. Tausende verloren ihr Leben. Viele wurden vom Verrugas- (Oroyafieber) dahingerafft, andere wurden das Opfer von Unfällen. Eine 5- Meilenzone bei der Verrugasbrücke (heute neue Brücke ==> Carrión Brücke genannt) war buchstäblich ein Friedhof, obwohl Henry Meiggs keine Kosten scheute, um die mysteriöse Krankheit zu besiegen. Der Amerikaner Henry Meiggs lancierte und leitete den Bahnbau gegen viele Widerstände natürlicher und politischer Art .
1992 wurde der Personenverkehr wegen terroristischer Aktivitäten (Sendero Luminoso) gestoppt.
1995 erhielt Peru einen Kredit von der Weltbank, um die Strecke wieder betreiben zu können. Seit kurzem wieder unregelmässiger Personenverkehr.
Reisezeit 11 - 12 Stunden .
Streckenlänge 346 km, 66 Tunnels, 59 Br
ücken, Zigzags, höchste Steigung 4.37%(offizielle Angabe). Brian Fawcett, ein Kenner, meint zwar, dass nach Chosica die Steigung näher bei 5% als bei 4% liegt. "Loks lügen nicht!"
Momentan vor allem Güterverkehr (Zinn, Kupfer, Land- wirtschaftsprodukte).
Im Zug befindet sich eine Krankenschwester, die bei Atemproblemen Sauerstoff verabreicht.


Reisereportage Lima - Huancayo 17. - 20.April 2003

Ab 6 Uhr morgens finden sich die "AndenfahrerInnen" vor dem prächtigen Bahnhof Desamparados in Lima ein. Dieser ist übrigens sehr gut bewacht, da er sich in unmittelbarer Nähe des Regierungspalastes befindet. Die einheimischen Fahrgäste (nicht wenige mit Kindern und Jugendlichen) und die ausländischen Bahnfreaks stellen sich ohne Drängen in die lose gebildete Reihe - wahrscheinlich auch deshalb, weil jeder einen Sitzplatz garantiert hat. Vor der Abfahrt wird aber noch fleissig fotografiert und gefilmt. Um 7 Uhr stösst die in den USA gebaute, imposante Diesellok mehrere Male ihr Hornen aus. Auf dem Perron herrscht beim filmenden Team grosse Hektik und bei manchem im Zug schlägt das Herz etwas schneller - man sitzt ja nicht in irgend einem Zug , sondern in dem Andenbezwinger , von dem man schon einige nicht nur angenehme Geschichten gehört hat....Ein leichter Ruck geht durch den Zug und schon zieht die Lok die sechs 1952 erbauten Waggons aus dem Bahnhof. Unter dauerndem Hornen gehts durch die ausgedehnten Quartiere Limas. Diese bestehen häufig aus einfachsten Lehmbehausungen, in denen die Bewohner unter ärmlichsten Bedingungen leben. Lima zählt beinahe 8 Millionen Einwohner. Limas unaufhaltsames Wachstum beruht hauptsächlich auf dem ununterbrochenem Zustrom von Armen - meistens Campesinos(Bauern) aus dem Hochland ,die sich in der Stadt bessere Berufs- und Bildungschancen für sich und ihre Kinder erhoffen.
Das Hornen der Lok warnt die Leute, scheint aber auch anzukünden:"Endlich fährt wieder mal ein Passagierzug !" Im Jahr 2003 fahren nämlich nur 6 fahrplanmässige Züge nach Huancayo. Von Strassen, aus Häusern, am Geleise, aus Bussen und Autos - von überall winken vom Säugling bis zum Greis alle mit freundlichen Gesichtern. Sie erfreuen sich offensichtlich am vorbeifahrenden gelb- roten "Andenbezwinger". Dass die Züge wieder fahren, ist eben schon was Besonderes, da die Bahn 10 Jahre nicht mehr fuhr. Die Maoistischen Terrorristen des Sendero Luminoso (Leuchtender Pfad) haben die Andenbahn angegriffen und Anschläge verübt. Ueber 20 Bahnangestellte verloren dabei ihr Leben.Mit dem Unterbruch der Bahnlinie versuchten die Terrorristen die Provinz bzw. die Regierung in die Knie zu zwingen.Die historische Bahnlinie ist Teil des reichen peruanischen Erbes und die Wiedereröffnung des Personenverkehrs hat Symbolwert für das ganze Land und bedeutet für viele:"Das Land steht wieder auf festen Füssen!"
Deutlich zu erkennen ist, dass Lima von einer Steinwüste umgeben ist. Nach ca. 17 Meilen kommt man vom Winter in den Sommer. D.h. die Sonne besiegt den hartnäckigen Winternebel , der oft über Lima liegt.
Bis Chosica steigt die Strecke nur leicht an - trotzdem ist das Tempo gemächlich - der Zug wird gar von Bussen und Lastwagen überholt. Das scheint die Reisenden aber nicht im Geringsten zu stören. Diese haben sich unterdessen im Zug eingerichtet - jeder nach seinem Gusto. So wird fleissig geplaudert, gegessen, gelesen etc..
In San Bartolomé angekommen, wird die Lok auf einer Drehscheibe von nur 2 Männern um 180 Grad gedreht und fährt danach ans andere Ende des Zuges.

Von nun an klettert der Zug ständig empor. Die Landschaft ist unterdessen grüner geworden - einige Gesichter dagegen etwas bleicher. Die Höhe macht sich bemerkbar - die Luft wird dünner. Vermehrt eilt nun die ganz in Weiss gekleidete Krankenschwester durch den Zug.Sie gibt gute Tipps, z.B., dass ich meinem 7-jährigen Sohn kein Coca-Cola mehr geben solle - wegen der Kohlensäure. Auch meine einheimischen Banknachbarn, mit denen ich schon Einiges über Woher und Wohin ausgetauscht habe, sind rührend besorgt - Koka-Tee (aus Koka-Blättern hergestellt) sei das Beste. Also bestelle ich sofort einen. Die Einheimischen, die in den Hochebenen der Anden(Altiplano) leben, kauen häufig Koka-Blätter, die nur in dieser Höhe wachsen.



Unterdessen hat der Zug die ersten Zigzags durchfahren. Beim Zigzag fährt die ganze Zugskomposition in Fahrtrichtung auf ein "Abstellgleis" und stoppt dort, bis ein Bahnangestellter am Zugende die Weiche gestellt hat, was übrigens nur wenige Sekunden dauert. Nun fährt der Zug in der Gegenrichtung bergaufwärts (siehe Foto). 1983, als ich das erste Mal mit dieser Andenbahn (damals noch Enafer Peru genannt) gefahren war, hatte ich diese Zigzags noch belächelt. Heute kann ich nur feststellen: Der Höhengewinn ist eindrücklich und der Zeitverlust durch das Weichen stellen und den Richtungswechsel minim. Kehrtunnels würden wohl kaum einen entscheidenden Zeitgewinn bringen, dafür einen viel höheren und teureren Bauverlauf bedeuten.
Unterwegs sieht man nun Minen , Minenhalden, Wasserkraftwerke, Arbeiterbaracken. Keine einfache Arbeit für die Arbeiter, was man schon an ihren Gesichtern und Händen unschwer erkennen kann. Die heute privatisierte Bahn kann nur dank des Transportes von Gütern - vor allem Kupfer , Zinn etc. überleben.
Auf der Talseite des Geleises geht's steil - häufig senkrecht - nach unten, auf der Bergseite ebenso steil himmelwärts. Wenn man so runterschaut, läufts einem manchmal kalt den Rücken runter und man hofft, dass das Geleise nicht abrutscht - vor allem, wenn man 200 Meter tiefer einen entgleisten Güterwagen entdeckt. Dem Zug fährt übrigens , im Abstand von einigen Hundert Metern, ein dieselbetriebenes Schienenfahrzeug voraus, um etwelche Probleme auf der Strecke frühzeitig melden zu können.
Im Unterschied zu 1983 hat es keine Schusslöcher vom Sendero Luminoso mehr in den Scheiben und auch keine bewaffneten Soldaten an Board, sondern nur noch friedlich plaudernde und gestikulierende Menschen.
In keinem Verkehrsmittel kommt man so miteinander ins Gespräch , wie auf langen Bahnfahrten. Man sitzt sich gegenüber, tauscht Gedanken- , Eindrücke-, Adressen-, Esswaren etc. aus. Man hat Zeit und Musse.
Aussen zieht eine immer felsiger werdende Landschaft langsam am Zugfenster vorbei, während im Zugesinnern eine bunt verkleidete Frau kleinen und "grossen" Kindern mit viel Pathos aus der Geschichte der Indios erzählt. Begleitet wird sie von Musik aus einem tragbaren Kassettenrecorder. Nach 4000 m werden die Berge auf der Limaseite immer kahler und brauner. Man merkt jetzt deutlich, dass die Luft weniger Sauerstoff enthält. Die Menschen trinken vermehrt Kokatee oder kauen Kokablätter. (Ich selber nehme Traubenzucker.) Vor allem tigern sie viel weniger durch den Zug , atmen schwerer oder schlafen. Ich habe den Eindruck, die Augen der Reisenden glänzen mehr, wie bei Fieber oder nach dem Genuss von alkoholischen Getränken. Die Krankenschwester wird nun häufiger - teilweise über Lautsprecher - zu Menschen mit Atemproblemen gerufen. Sie erhalten von ihr Sauerstoff oder andere Hilfe. Meine Banknachbarin hat starke Kopfschmerzen und mein Sohn muss erbrechen . Dies alles sind Sympthome der soroche (Höhen- oder Bergkrankeit).
Dann - nach rund 172 km - erreichen wir den höchsten Tunnel der Welt, den Scheiteltunnel.Für den Erzabbau führen die Geleise allerdings noch einige Hundert Meter weiter "himmelwärts". Der Zug hält vor dem Tunnel und alle, die nicht zu wacklig auf den Beinen stehen, begeben sich nach draussen, um den Zug - umgeben von Bergriesen mit Schneekappen - zu fotografieren. Einige steigen gar auf die Lok, um sich mit ihr ablichten zu lassen. Es sieht fast so aus , als wollten sie sich bei ihr fürs Raufschleppen bedanken. Auf dieser Höhe kann sie nur noch rund die Hälfte ihrer Leistung erbringen. Das gilt übrigens auch für einige "Zweibeiner"(mich eingeschlossen), die nach kurzem Spurt bereits nach Luft schnappen. Die Arbeiter können hier nicht in einem offenen Kessel Bohnen kochen, da der Siedepunkt nicht heiss genug ist. Die Bergwelt zieht einem unweigerlich in ihren Bann. Die riesigen Gipfel stauen teilweise die Wolken, weshalb die Bahn eben auch "Eisenbahn zwischen den Wolken" genannt wird.
Nach dem Durchqueren des Tunnels, passieren wir die höchste Passagier-Bahnstation der Welt, Galera, mit 4781 m ü.M..Nun führts vorerst gleich steil nach unten ins Altiplano. Aber schnell wirds grüner. Weisse Zwergkakteen, Moos, Gras und Blumen bedecken den Boden. Lamas, Alpacas, Schafen, Ziegen, Kühe, ja gar Pferde kann man auf den ausgedehnten Hängen entdecken. Die wenigen Hütten der Hirten wirken - wie diese selbst - etwas verloren in der weiten Bergwelt. Sie hätten aber Fernsehgeräte in ihren Hütten, teilt man uns über Lautsprecher mit. Wie lange sind diese Indiohirten hier wohl noch anzutreffen, wenn sie das Stadtleben in ihren Fernsehern sehen.....
48 km später stoppen wir in Oroya, einer schmutzigen, stinkenden Minenstadt , mit 35'000 Einwohnern. Vor allem Zinn und Kupfer werden hier abgebaut. Ein hier lebender Arbeiter erklärt:"Nichts wächst hier im Umkreis von 18 km. Unsere Lungen sind wie Felsen!"
Güterzüge fahren von hier aus nördlich nach Cerro de Pasco, einer anderen Minenstadt. In Oroya erhalten wir eine andere, ältere Diesellok. Die Strecke führt von hier aus nicht mehr so steil nach Süden . Das bei Oroya noch enge Tal wird nun immer breiter und auch fruchtbarer. Mais, Kartoffeln, Gemüse, Früchte u.a. werden in der vom Rio Mantaro durchflossenen Hochebene angebaut.
Die ebenfalls im Zug mitfahrenden Journalisten von Times, Daily Telegraph und Guardian Unlimited haben nun vermehrt Zeit, die Krankenschwester und andere Bahnangestellte zu interviewen. In Concepcion werden wir von einer jubelnden , mit Fähnchen winkenden, Bevölkerung herzlich empfangen. Kind und Kegel ist am Bahnhof versammelt. Dazu spielt eine Blasmusik. Fliegende Händler versuchen ihre Ware an den Mann bzw. die Frau zu bringen. Anlass für diesen begeisterten Empfang ist die "santa semana" (Ostern). Man will die Touristen begrüssen und zu den Festlichkeiten einladen.
Später werde ich im Zug von einer einheimischen Journalistin interviewt, z.B. darüber, warum ich mit der Bahn fahre, wie der Service sei etc..Wir passieren u.a. Jauja, Perus erste koloniale Hauptstadt , 1543 gegründet durch den spanischen Eroberer Francisco Pizarro. Nach beinahe 12-stündiger Fahrt erreichen wir unser Endziel- Huancayo (300'000 Einwohner, 3260 m ü.M., kommerzielles Zentrum & Marktplatz für Landwirtschaftsprodukte ). Grosses Gedränge herrscht am Bahnhof. Jeder Ankömmling erhält ein Poster mit der FCCA auf einer Brücke.
Die Anteilnahme der Bevölkerung in Concepcion und Huancayo zeigt, wie wichtig der Bahnpersonenverkehr für das zentrale Hochland Perus ist. "Eine ganze Reihe von Dörfern war auf diesen Zug angewiesen. Er brachte mit den Touristen etwas "Wohlfahrt" in die Märkte. Jetzt können wir wieder hoffen!", meint ein Bewohner.
Ein unvergessliches Erlebnis ist diese atemberaubende(in diesem Fall wörtlich zu nehmen) Bahnfahrt von Lima nach Huancayo auf jeden Fall.

Hansruedi und Yanneck Jäger, Thalwil

Zu Fahrplan ,Informationen und Reservationen siehe:
S. Rachd
i, Fahrplancenter, Steinen (0041) 041/ 832 01 34
http://www.fahrplancenter.com/