Eisenbahnen in Kolumbien? - Mit der Bahn zum Gottesdienst.

Die Frage, ob es überhaupt noch Eisenbahnen in Kolumbien gibt, ist durchaus berechtigt, denn es wurden im Laufe der letzten Jahrzehnte fast alle Eisenbahnen in Südamerika erdteilweit eingestellt. Der Hauptgrund ist einfach. Das Betreiben eines wirtschaftlichen Eisenbahnnetzes erfordert wesentlich mehr Kenntnisse in der Logistik, als Busse über Straßen fahren zu lassen. Überspitzt könnte man sagen: Eisenbahnen verlangen kluge Köpfe. Einen Busverkehr können auch Dummköpfe betreiben.

Im Rahmen meiner Südamerikarundreise besuchte ich einen Freund in Bogotá. Ich hätte mir keinen besseren Fremdenführer wünschen können. Nur meine Frage, ob es noch Bahnen im Lande gäbe, brachte ihn in Verlegenheit. Lukas erwähnte, was auch ich im Stadtgebiet von Bogotá überall feststellte: stillgelegte Bahnlinien und Gleisanschlüsse, von Gras überwucherte Bahndämme und unbenützte Bahnübergänge an Straßen. Von einem aktuellen Eisenbahnverkehr wußte er nichts. Südamerikaner hätte man ans Busfahren gewöhnt, deshalb sei Bahnfahren für Kolumbianer fast unbekannt. Ich hatte aber von einem Wochenendzug zu einer Salzkathedrale, etwa 53 km von Bogotá entfernt, gehört. Mein Freund Lukas wußte von einer Busverbindung zu dieser berühmten Sehenswürdigkeit, wusste aber auch, wo sich der Bahnhof der Stadt befand. Dort wollten wir uns nach einer Bahnverbindung erkundigen. Ein Taxi - der ÖPNV ist in Bogotá meist unbrauchbar -brachte uns zum verwaisten Bahnhof, einem beeindruckenden, aber augenscheinlich leeren Gebäude, dem man ansah, welche Bedeutung es als Hauptbahnhof der Stadt einst spielte. Ein Wachposten saß am Eingang einer großen Gittertüre, die das Gelände umschloss. Dieser erklärte uns, es führe tatsächlich jeden Samstag und Sonntag ein Touristenzug in einer dreistündigen Fahrt nach Zipaquirá, wo eigene Busse eine Verbindung zur nahen Salzkathedrale herstellten. Allerdings sei der Zug für das nächste Wochenende bereits ausverkauft. Nanu?! Die Bewohner Bogotás lieben Eisenbahnen? Oder verfügt der Zug lediglich über wenige Plätze? Wer meinen Freund Lukas kennt weiß, dass ein ausverkaufter Zug die richtige Herausforderung ist, doch noch Fahrkarten zu bekommen. Und so war es dann auch.

Am Sonntag früh brachte uns erneut ein Taxi zum Bahnhof, wo sich bereits eine große Schar fast nur einheimischer Touristen im linken Seitenflügels dieses riesigen Bahnhofsgebäudes, in dem auch ein kleines Museum  die Geschichte der Bahnen Kolumbiens erzählt, versammelt hatte. Die große Bahnhofshalle am zentralen Eingang, versehen mit Säulen und großen Treppenaufgängen, war verwaist. An einem der Bahnsteige wartete ein mit einer gepflegten Dampflok bespannter Zug mit 14 (!) Waggons. Auf einem Nebengleis stand auch noch ein alter Schlaf- und Salonwagen, der zeigte, wie schön es in der Vergangenheit doch gewesen sein muss, mit der Bahn durch Kolumbien zu fahren. Der im Gleisvorfeld befindliche Dampflokfriedhof stimmte mich zusätzlich traurig. Allerdings befand sich neben den Bahnsteigen auch ein Lokschuppen, mit weiteren augenscheinlich betriebsbereiten Dampflokomotiven. Die Kameras der Touristen hatten Hochbetrieb.

Die Abfahrt des Zuges, pünktlich um 8.30 Uhr, erzeugte Volksfeststimmung, woran das Temperament der Südamerikaner einen großen Anteil hatte. Schnell fuhr unser Zug nicht, denn das erlaubte der erbärmliche Oberbau nicht. Aber wir fuhren ja zum Vergnügen. Wollte man allerdings die Bahn als Verkehrsmittel für Jedermann wieder in Betrieb nehmen, so müsste zuerst eine Gleisbaumaschine ihres Amtes walten. Möglich und wünschenswert wäre dies durchaus. Wir  fuhren jedoch mangels gepflegtem Oberbau gemächlich durch das schier endlose Weichbild der Millionenmetropole Bogotá. Es muss erwähnt werden, dass die Fahrt keineswegs nur durch Elendsviertel führte, sondern auch modernen Wohn- und Geschäftsviertel mit großen Einkaufszentren, Sportplätzen und bemerkenswerten Hochhäusern zeigte.

Nach fast einer Stunde erreichten wir den Vorortbahnhof  Usaquen, wo noch zusätzliche Fahrgäste einstiegen. Nun war der Zug wirklich bis auf den letzten Platz besetzt. Die Fahrt durch die Sabana, die Umgebung von Bogotá, war wunderbar. Sobald das Häusermeer hinter uns lag, durchfuhren wir eine grüne Ebene mit zahlreichen Rinderherden. Nur vereinzelt waren kleine Dörfer zu sehen, an deren stillgelegten Bahnhöfen wir durchfuhren. Unser wöchentlicher Zug war augenscheinlich der einzige Personenzug, der auf dieser Strecke noch verkehrte.  Eine südamerikanische Musikgruppe zog von Waggon zu Waggon, um die Stimmung noch weiter anzuheizen. Auf der Fahrt begegneten wir auch einem Güterzug, der von einer Nebenstrecke zu kommen schien und darauf wartete, dass wir die Strecke frei machten. Dies zeigte, dass der Bahnverkehr im Lande doch noch nicht ganz gestorben war.

Um 11.30 Uhr erreichten wir Zipaquirá, wo bereitstehende Busse die Touristenscharen in wenigen Minuten zur nahen Salzkathedrale brachten. Bei dieser handelt es sich um ein aufgelassenes Salzbergwerk, in das, tief im Inneren des Berges, eine beeindruckende Kathedrale hinein gebaut wurde. Außer einer Führung durch das aufgelassene Bergwerk, samt der Kathedrale, wird auch in einem im Berg befindlichen Kino ein 3-D-Film über die Geschichte des Salzbergbaues gezeigt.

Der Zug fährt währenddessen rückwärts von Zipaquirá nach Cajicá zurück, da nur dort die Lokomotive für die Rückfahrt gewendet  werden kann.  Daher bringen Busse die Gäste nach dem Besuch des Bergwerkes nicht mehr zum Bahnhof von Zipaquirá zurück, sondern eben nach Cajicá. Es blieb noch genügend Zeit um das kleine, gepflegte  Indiostädtchen zu besichtigen und in einem der vielen Lokale zu essen, ehe der Zug nach Bogotá zurück fuhr, wo wir pünktlich um 17.40 Uhr ankamen. Sogar Lukas, als "Einheimischer" - er lebt seit zwei Jahren im Land - war vom Gebotenen angenehm überrascht, denn Bahnfahren schien auch Kolumbianern zu gefallen. Ursprünglich führte die Strecke noch viel weiter nach Norden und bediente große Städte, wie Tunja und endete in Sogamosa an einem See. Ob diese Bahn wenigstens für den Güterverkehr noch in Betrieb ist bezweifle ich, denn Spuren eines Bahnbetriebs außer unserem Wochenendzug waren keine mehr zu erkennen.  

Übrigens ist Kolumbien durchaus kein Land, in dem man sich als Tourist fürchten muss. Dies war wohl in der Vergangenheit so. Das Land hat viel zu bieten, sogar eine schöne Bahnfahrt. Vielleicht erlebt die Eisenbahn in Kolumbien eine Wiedergeburt. Es wäre sehr zu wünschen.

Zu finden ist die Bahn im Internet unter   www.turistren.com.co

Peter Romen, 21.09.2009