Mit Perus Bahnen in den Himmel.

Nun, ganz so hoch hinauf führen Perus Bahnen doch nicht und seit wenigen Jahren schickt China seine Züge  auf der Fahrt nach Tibet sogar noch höher hinauf. Aber Perus Bahnen sind älter und auch romantischer. Eines haben die Chinesen den Peruanern aber sicher voraus. Sie vermarkten ihre Bahnen besser. Denn mit der ehemals höchsten, und heute eben nur mehr zweit höchsten Bahn der Welt, von Lima nach Huancayo, kann  nur mehr zwei Mal monatlich gefahren werden, während Chinas höchste Bahn der Welt mehrmals täglich fährt. Nun haben Chinesen den Ruf die besseren Geschäftsleute zu sein, während die Südamerikaner unter dem Einfluss der USA dem Auto huldigen. Aber wer will schon einen Bus über die Anden benützen, wenn eine wahrlich spektakuläre Bahnfahrt lockt. Und in der Tat: die Fahrt von Lima nach Huancayo ist wohl kaum zu übertreffen.

Viele Jahre lang wollte ich diese Fahrt unternehmen. Jedes Mal, wenn ich in Lima war, fuhren keine Personenzüge. Im Güterverkehr wurde und wird sie auch heute noch dringend benötigt. Moderne Busse fahren über die gut ausgebauten Andenstraßen mehrmals täglich schneller als die Eisenbahn. Aber so eilig hatte ich es gar nicht. Allerdings ist das Bummeln der Bahn auf der Talstrecke von Lima nach San Bartolomé nicht eine Folge der Streckenführung, sondern des vernachlässigten Oberbaus, der nur sehr geringe Geschwindigkeiten zulässt, was für die Güterzüge, die den Reichtum der Anden zum Hafen Callao bringen, völlig ausreicht, für Personenzüge aber vernichtend ist und zwar wörtlich. Jahrelang war der Personenverkehr eingestellt und nur mit großer Mühe und großem Engagement einiger weniger Einheimischer konnte der Betrieb wenigstens zwei Mal monatlich, wieder aufgenommen werden.

Vom Hafen Callao nach Lima sind es nur etwa 15 km. Der Personenverkehr wird hier schon lange den Bussen überlassen, die sich auf überfüllten Straßen die Luft verpestend  hindurch quälen. Daneben fristet das einzig verbliebene Gleis ein trauriges Dasein, anstatt dem Nahverkehr zu dienen..

Bei meiner Stadtbesichtigung fällt das schön restaurierte Bahnhofsgebäude Desamparados im Zentrum von  Lima auf. Es wurde offenbar zur  Wahrung des Stadtbildes so schön hergerichtet, doch innen ist es fast eine Ruine, wie ich  am Vortag meiner Bahnreise selbst feststellen konnte, als ich an der Eingangstüre des Bahnhofs einen Blick ins Innere werfen wollte und mich ein freundlicher Wachmann einlud doch einzutreten und mir alles genauer anzusehen. Die Eingangshalle des Bahnhofs strahlt immer noch die Pracht von einst aus. Die Schalterhalle ist mit Säulen versehen; der Fahrkartenschalter ist mit Holz schön verkleidet und eine große Treppe führt zum Bahnsteig hinab, da die Gleise unterhalb des Straßenniveaus liegen. Gleich am Eingangstor wurde auch eine Erinnerungstafel für den polnischen Erbauer dieser Bahn errichtet. Allerdings hatte ich den Eindruck, als würden doch ab und zu Handwerker versuchen auch dieses imposante Innere wieder instand zu setzen, denn es war Bauschutt ordentlich aufgehäuft.

Am folgenden Morgen war für sieben Uhr die Abfahrt des Zuges nach Huancayo angegeben. Die Fahrkarten hatte ich mir schon von Europa aus im Internet besorgt und sie wurden mir am Vortag ins Hotel geliefert. Zu Fuß ging ich über Limas zentralen Platz, der Plaza de Armas mit dem Präsidentenpalast und der Kathedrale, zum Bahnhof hinüber. Eine stattliche Anzahl Reisender hatte sich bereits in der Bahnhofshalle, die nun einen nicht mehr so tristen Eindruck wie am Vortag machte, versammelt. Das große Gepäck wurde eingesammelt, da es mit dem Gepäckwagen  transportiert werden sollte und so den Reisenden mehr Freiheit während der Fahrt gewährte. Ich wunderte mich am Bahnsteig keinen Zug vorzufinden, wurde aber nach einigen Minuten vom Hupen einer Lokomotive überrascht, die den Zug, bereits mit vielen Fahrgästen besetzt, aus Callao kommend auf dem einzigen noch verbliebenen Gleis des einst so geschäftigen Bahnhofs zog. Da jede Fahrkarte auch eine Platzkarte war, war beim Einsteigen keine Hektik nötig. Pünktlich verließ unser Zug den Bahnhof und fuhr sehr gemächlich durch Limas ärmliche Vorstädte, die nicht nur wegen der Garua, dem dauernden hartnäckigen Hochnebel, den der kalte Pazifik der peruanischen Küste im europäischen Sommer beschert, noch trister aussahen. Alle einstigen Bahnhöfe wurden durchfahren. Einen Nahverkehr gab es auch hier nicht mehr. Dieser wurde den Bussen auf verstopften Straßen überlassen. Die Streckenführung ist fast gerade, aber immer ein wenig ansteigend, sodass nach einigen Stunden San Bartolomé in etwa 1000 m Seehöhe erreicht wurde, ohne dass ich den Eindruck gehabt hätte wirklich bergauf gefahren zu sein. Hier stiegen noch zusätzlich Fahrgäste ein. Nun war kein Platz mehr frei. In San Bartolomé wurde auch die Lokomotive auf einer Drehscheibe gewendet, denn nun fuhrt die Bahn mit ihrer berühmten Zick-Zack-Streckenführung stetig steil bergauf. Hart an steilen Bergwänden entlang windet sich die Strecke in schwindelerregender Fahrt immer höher und höher und vermittelte atemberaubende Ausblicke sowohl in das tief unten liegende Tal, als auch auf die über 5000 m hohen Berge. Ich habe schon weite Reisen mit der Bahn durch viele Länder der Erde unternommen, aber eine solche Fahrt habe ich noch nie erlebt. Ich habe von dieser Bahnfahrt bereits viel gehört und gelesen, aber sie übertraf alles von mir Erwartete. Ich glaube alleine diese Bahnfahrt würde schon eine Reise nach Peru, einem Land mit weltberühmten Sehenswürdigkeiten, rechtfertigen. Auf der Fahrt passierten wir auch Bergwerke, die zu den höchst gelegenen der Welt zählen und derentwegen die Bahn überhaupt gebaut wurde. Deshalb begegneten uns auch talwärts fahrende schwer beladene Güterzüge, die an die Bremsen der Züge höchste Anforderungen stellten. Unser Zug bewegte sich indessen über Brücken und durch Tunnels weiter und weiter bergauf. Die Landschaft ist nicht mehr zu beschreiben. Im letzten Waggon, dem Barwagen, der am Zugende über eine offene Plattform verfügt, ließ sich die Bahnfahrt in vollen Zügen genießen. Bereits seit einigen Stunden hatten die Sanitäter alle Hände voll zu tun, um Reisenden zu helfen, die über die Höhenkrankheit klagten. Jetzt rächte sich auch der Alkoholgenuss einiger Fahrgäste im Barwagen. Die Warnung vor übermäßigem Alkoholgenuss hatten diese Leute wohl in den Wind geschlagen. In über 4800 m, höher als der Mont Blanc als höchster Berg Europas, erreichten wir nach dem Durchfahren des Scheiteltunnels den Bahnhof Galera auf 4818 m Seehöhe, wo der Zug anhielt. Da die Luft hier bereits so dünn ist , hatte ich beim Gehen große Mühe. Aber für eine Foto begab ich mich, so wie viele andere Fahrgäste auch, zur Lok. Weit schweift der Blick auf noch viel höhere Berge, die uns umgaben, sowie das tiefe Tal. Nach etwa 20 Minuten setzte der Zug seine Fahrt fort. Plötzlich befanden wir uns mitten in einem Schneesturm, der aber bald nachließ. Unser Zug strebte der Berwerksstadt La Oroya auf etwa 4000 m Seehöhe zu. Hier verließen auch einige Fahrgäste den Zug um anderen Tags auf einer Nebenstrecke mit einem Sonderzug zu den Bergwerken in  Cerro de Pasco zu fahren. Noch vor wenigen Jahren bediente noch ein regulärer Personenzug dieses Tal.

Auf der Hochebene strebte unser Zug bei einsetzender Dunkelheit lange einem Fluss entlang sehr langsam dem Ziel Huancayo zu. Dass diese Strecke nicht bei Tageslicht durchfahren wird, liegt am schlechten Oberbau, der längst eine Überarbeitung nötig hätte. Sonst wäre unser Zug seit seiner Abfahrt schneller unterwegs gewesen und wir hätten die gesamte Reise bei Tageslicht erleben können. Die Landschaft wäre es wert – wie ich in den folgenden Tagen bei einer Autofahrt feststellte – bestaunt zu werden. Die Weiterfahrt zur berühmtesten Sehenswürdigkeit Perus, Machu Picchu, kann leider nicht  mit der Bahn unternommen werden. Wer aber den Bus für diese Weiterfahrt benützt, wird unweigerlich zum Schluss kommen, dass der Bahn unbedingt der Vorzug zu geben ist.

Peter Romen 21.9.2008